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Skript

Leonce und Lena

von Georg Büchner



Eingerichtet und um drei Szenen erweitert von Ulrike Zeitz für die Studiobühne Bayreuth

50 Einlasslicht

Beginn 

75 Licht 4s vom Po weg in Blackout

Musik: „OlhaTim

x100 Bühnenlicht gedimmt "innerer Monolog", links Mint, rechts Magenta

Ouvertüre „Das alte Schloß“

(nach „Das alte Schloss“ von Anette von Droste-Hülshoff)

LEONCE: Ich bin jung und alt

LENA: Mir ist heiß und kalt

LEONCE: Auf der Burg haus´ ich am Berge

Unter mir der blaue See

LENA: Ich hör nächtlich Koboldzwerge

Täglich Adler in der Höh`

BEIDE: Und die grauen Ahnenbilder sind mir Stubenkameraden

Wappentruhe, Eisenschilder,

Sofa mir und Kleiderladen

LEONCE: Ich bin jung und alt

LENA: Mir ist heiß und kalt

LENA: Schreit` ich langsam durch die Halle

Wie ein Geist am Runenstein

Dröhnt es hohl mit lautem Schalle

blass das Licht wie Mondenschein

LEONCE: Mir zur Seite lange Gänge

Treppen - lose, modergrüne Rampen

Die mich locken - Dämonsfänge

Könnt ich nur mit ihnen zanken

BEIDE: Ja, wird mir nicht baldigst fade

Hier in jedem Augenblick

In den Trümmern ohne Gnade

brech´ ich Glieder und Genick.

Leonce geht ab, grüner Vorhang raus

Musik ausfaden

150 Bühnenlicht Fade 2s voll an, Farbe rausnehmen


Prolog „Das Kleid“

IM KÖNIGREICH PIPI * UZ

(Valentina, Zeremonienmeister und Assistent finden Lena endlich)

VALENTINA: Da seid ihr ja!

ZEREMONIENMEISTER: Prinzessin Lena!

ASSISTENT: Prinzessin!

ZEREMONIENMEISTER: Eh voilá!

ASSISTENT: Das Protokoll zur Hochzeit!

ZEREMONIENMEISTER: Von den Königshäusern Popo und Pipi abgesegnet!

ASSISTENT: …von beiden Königshäusern abgesegnet!

ZEREMONIENMEISTER: Es ist geglückt !!!!- Die Ausweitung des Lebensraumes…

ASSISTENT: …auf menschliche Ressourcen schonende Art und Weise…

ZEREMONIENMEISTER Und ASSISTENT GEMEINSAM:…durch Gemeinschaft stiftende Riten!

ASSISTENT: Hier: der minutiöse Zeitplan.

ZEREMONIENMEISTER: Der Zeitplan! Ein, wenn ich so sagen darf: Meisterwerk.

ASSISTENT: Fürwahr ein Meisterwerk!

ZEREMONIENMEISTER: Des weiteren darf ich präsentieren: Die Speisenfolge!

ASSISTENT: Hier ist sie schon, die Speisenfolge!

LENA: Hmmm! Saltimbocca an gebutterten Erbsen!

ZEREMONIENMEISTER: Oh lá, lá, quel domage, ein kleiner Fehler…

ASSISTENT: Hier: Der Menüplan für Ihro Prinzessin Lena.

VALENTINA: Salbeiblatt an Erbspüree…?!

LENA: Der springende Punkt in den Mund kann in meinem Fall also nicht einmal eine Erbse sein…?

ZEREMONIENMEISTER: Wir sind stets bemüht die prinzesslichen Abmessungen zu erhalten!

ASSISTENT: Für die Dokumentation der Flitterwochen!

LENA: Wofür?

ASSISTENT: Im Preis mit inbegriffen.

VALENTINA: Wohin geht es denn?

ASSISTENT: Ich schweige.

ZEREMONIENMEISTER: Und wenn sie noch so sehr darum bettelt und winselt - mich auf den Knien anfleht, es wird nicht verraten, wohin die Reise geht!

LENA: Das ist der springende Punkt: Wohin geht die Reise?

ZEREMONIENMEISTER: Ich sage nichts - nein… nichts dieser Blick… Ich sehe nichts…. Meine Lippen sind versegelt - verdammt - versiegelt, versiegelt wollte ich sagen, nicht versegelt!

LENA: Man setzt also die Segel. Ein großes, weißes Tuch aufspannen. Den Wind fangen. Angst vor der Flaute. Vielleicht einen Hafen finden und vor Anker gehen. Oder immer weiter, bis die Segel fallen und das Tuch sich sanft über einem senkt - und kein Atemhauch es mehr bewegt.

ZEREMONIENMEISTER: Bewegte Tücher - gutes Stichwort…

LENA: Mein Wort versetzt Euch Stiche? Das lässt mich hoffen.

ZEREMONIENMEISTER UND ASSISTENT GEMEINSAM: Tücher schwenken!

ASSISTENT: Das Volk erhält vom Hofschulmeister Eures zukünftigen Schwiegervaters eigens eine Schulung zur Bejubelung des royalen Hochzeitspaares.

ZEREMONIENMEISTER: Nach meinen Plänen.

ASSISTENT: Im Preis mit inbegriffen.

ZEREMONIENMEISTER: Prinzessin Lena, ich versichere: Es wird spektakulär!…

ASSISTENT: So was von Spektakulär!

ZEREMONIENMEISTER: Kommen wir deshalb zum wichtigsten….

LENA: Ja. Wo ist mein Vater?

ZEREMONIENMEISTER: Der König???

LENA: Davon gehe ich aus.

VALENTINA: König August von Pipi ist … verhindert…

LENA: Schon wieder?

ZEREMONIENMEISTER: Können wir uns BITTE auf das Wesentliche konzentrieren!

ASSISTENT: Ein Traum…

LENA: Was ein Traum wohl für ein Wesen ist?

ASSISTENT: Alle Augen werden nur das eine Ziel kennen -

ZEREMONIENMEISTER: Nach ein paar Veredelungsmaßnahmen versteht sich…

VALENTINA: So wie die Prinzessin ist, gibt es nichts an ihr zu veredeln, aber auch gar nichts….

ZEREMONIENMEISTER: Das Kleid. Das ist das Wesentliche. Es geht um das Kleid. Ausschließlich. Das weiß man doch. Alore. Das ist doch… Es geht natürlich auch um die königliche Füllung -

ASSISTENT U ZEREMONIENMEISTER ZUSAMMEN: - im rechten Maße!!!

ZEREMONIENMEISTER: Nein, was hilft hier reden. Sehen sie selbst.

KLEID ERSCHEINT

200 Versuch: Bühnenlicht unverändert, Kleid beleuchten, Mond-Profiler?

Eh voilá!

LENA: Im Wolkenberg versinken…? Immerhin, man landet weich, wenn man einmal in Ohnmacht fallen sollte.

ZEREMONIENMEISTER: Dann eben nicht. Ich verstehe!

KLEID verschwindet

250 Beleuchtung weg von Kleid

Jetzt wird es Ihnen die Sprache verschlagen. Schnell, schnell, vite, vite! Sie werden umfallen! (2. KLEID) Es ist très…. Was - sagen - Sie, Hoheit? Ich kann es sehen, nein! leugnen ist zwecklos.

ASSISTENT: Völlig zwecklos!

ZEREMONIENMEISTER: Das ist Rührung. Im Anfangsstadium.

ASSISTENT: Die bräutliche Gefühlsschlucht tut sich früher oder später bei jeder auf!

ZEREMONIENMEISTER: Und jetzt - wird geflutet!!!! Präsentier den Schleier! Umwerfend!!!!

ASSISTENT: Absolut. Umwerfend.

LENA: Ja, das wirft mich alles fast um… diesmal eindeutig nach hinten… Außer. Ja, so geht es. Wie ein Kutschpferd zieht man die Last des Tages hinter sich her…

ZEREMONIENMEISTER: Mon Dieu…

ASSISTENT: Indiskutabel.

LENA: Schau mal Valentina, man könnte Schmetterlinge damit fangen…

ZEREMONIENMEISTER: Hoheit…

LENA: Und falls jemand eine Gardine braucht… Oder ein Sieb!

ZEREMONIENMEISTER: Kutschpferd… wie passend.

(Zeremonienmeister und Assistent ab)

VALENTINA: Ich befürchte, die sehen wir wieder.

LENA: Vielleicht auch nicht.

VALENTINA: Dann ihre Nachfolger!

LENA: Müssten erst gefunden werden.

VALENTINA: Prinzessin Lena,…

LENA: Liebe, gute Valentina! Heute nicht. Die Luft riecht so herrlich, man könnte betrunken davon werden! Lass uns zum Bach gehen, die Füße ins eiskalte Wasser stecken, damit wir den Verstand nicht verlieren und sehen - wer von uns beiden es länger aushält.

VALENTINA: Mein liebes Fräulein, ihr wisst wohl nicht, wer ich bin? Ihr habt jetzt schon verloren! Meine Mutter hat mich nach der Geburt mit Schnee abgerieben - zum aufwärmen! Ganz hoch oben, im Land der Fjorde, machen sie es so: Entweder ein Kind strampelt sich frei oder es bleibt für immer mit Schnee bedeckt…

LENA: Mit Schnee bedeckt.

VALENTINA: Es wird einem ganz heiß, wenn es richtig kalt ist.

LENA: Mit Schnee bedeckt sein…

VALENTINA: Ein grausamer Brauch, verzeiht, ich hätte es nicht erzählen sollen.

LENA: Finde ich nicht. Es ist richtig.

VALENTINA: Habe ich richtig gehört?

LENA: Es wird einem ganz heiß, wenn es kalt ist.

VALENTINA: Ah, das… ja.

LENA: So ist es!

VALENTINA: Ja. Na dann, los!

LENA: Los!

VALENTINA: Auf zum Bach! Worauf warten?

LENA: Auf nichts und niemanden!

300 Bühnenlicht weg, Kiesbettund & Po an -> 11-13 15, 17, 18 

Rosa vorhang raus, grünen Vorhang rein


1. Akt

Szene 1 „Wetten“

EIN GARTEN IM REICHE POPO

LEONCE: Mein Herr, was wollen Sie von mir? Mich auf meinen Beruf vorbereiten? Ich habe alle Hände voll zu tun, ich weiß mir vor Arbeit nicht zu helfen. - Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier dreihundertfünfundsechzigmal hintereinander zu spucken. Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es, es gewährt eine ganz eigne Unterhaltung. Dann - Sehen Sie diese Hand voll Sand? - Jetzt werf ich sie in die Höhe. Wollen wir wetten? Wie viele Körnchen hab ich jetzt auf dem Handrücken? Grad oder ungrad? - Wie Sie wollen nicht wetten? Ich wette gewöhnlich mit mir selbst und kann es tagelang so treiben. Wenn Sie einen Menschen aufzutreiben wissen, der Lust hätte manchmal mit mir zu wetten, so werden Sie mich sehr verbindlich finden.

Dann - habe ich nachzudenken, wie es wohl angehn mag, dass ich mir auf den Kopf sehe. Oh, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! Das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen. Habe ich jetzt keine Beschäftigung? - Ja, es ist traurig…

HOFSCHULMEISTER: Sehr traurig, Euer Hoheit.

350 Wald an, Rest unverändert

LEONCE: Dass die Wolken schon seit drei Wochen von Westen nach Osten ziehen. Es macht mich ganz melancholisch.

HOFSCHULMEISTER: Eine sehr gegründete Melancholie.

LEONCE: Mensch, warum widersprechen Sie mir nicht? Sie haben dringende Geschäfte, nicht wahr? Es ist mir Leid, dass ich Sie aufgehalten habe. (HOFSCHULMEISTER unter vielen Verbeugungen ab, Leonce äfft ihn nach)

Die Bienen sitzen so träg an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul an den Boden. Es grassiert ein entsetzlicher Müßiggang - Müßiggang ist aller Laster Anfang. - Was die Leute nicht alles aus Langweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langweile und sterben endlich aus Langeweile, und - das ist der Humor davon - alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken, warum, und meinen Gott weiß was dazu.

Alle diese Helden, diese Genies, diese Dummköpfe, diese Heiligen, diese Sünder, diese Familienväter sind im Grunde nichts als raffinierte Müßiggänger. - Warum muss gerade ich es wissen? Warum kann ich mir nicht wichtig werden und der armen Puppe einen Frack anziehen, dass sie sehr rechtlich und sehr nützlich und sehr moralisch würde? - Der Mann der eben von mir ging, ich beneide ihn, ich hätte ihn aus Neid prügeln mögen. Oh, wer einmal jemand anders sein könnte! Nur ´ne Minute lang. - (er sieht Valerio) Wie der Mensch läuft! Wenn ich nur etwas unter der Sonne wüsste, was mich noch könnte laufen machen.

VALERIO: (stellt sich dicht vor Leonce, legt den Finger an die Nase und sieht ihn starr an) Ja!

LEONCE: (ebenso) Richtig!

VALERIO: Haben Sie mich begriffen?

LEONCE: Vollkommen.

VALERIO: Nun, so wollen wir von etwas anderem reden. Ich werde mich indessen in das Gras legen. Ach, was ich ein Gefühl für die Natur habe - man kann romantische Empfindungen beziehen. Das Gras steht so schön, dass man ein Ochs sein möchte, um es fressen zu können, und dann wieder ein Mensch, um den Ochsen zu essen, der solches Gras gefressen.

LEONCE: Unglücklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren.

VALERIO: O Gott! Ich laufe schon seit acht Tagen einem Ideal von Rindfleisch nach, ohne es irgendwo in der Realität anzutreffen.

Seht diese Ameisen, liebe Kinder, es ist bewunderungswürdig, welcher Instinkt in diesen kleinen Geschöpfen, Ordnung, Fleiß - Herr, es gibt nur drei Arten, sein Geld auf menschliche Weise zu verdienen: es finden, in der Lotterie gewinnen, erben oder in Gottes Namen stehlen, wenn man die Geschicklichkeit hat, keine Gewissensbisse zu bekommen.

LEONCE: Du bist mit diesen Prinzipien ziemlich alt geworden, ohne vor Hunger oder am Galgen zu streben.

VALERIO: Ja, Herr, und das behaupte ich: wer sein Geld auf eine andere Art erwirbt, ist ein Schuft.

LEONCE: Denn wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder, und ein Selbstmörder ist ein Verbrecher, und ein Verbrecher ist ein Schuft, also, wer arbeitet ist ein Schuft.

VALERIO: Es ist ein Jammer. Man kann keinen Kirchturm herunterspringen, ohne den Hals zu brechen.

LEONCE: Halt´s Maul mit deinem Lied, man könnte darüber ein Narr werden.

VALERIO: So wäre man doch etwas. Ein Narr! Ein Narr!

400 Wald 10s ausfaden, Rest unverändert

Ha, ich bin Alexander der Große! Wie mir die Sonne eine goldene Krone in die Haare scheint, wie meine Uniform blitzt! Herr Generalissimus Heupferd, lassen Sie die Truppen anrücken! Herr Finanzminister Kreuzspinne, ich brauche Geld! Und zu diesen köstliche Phantasien bekommt man eine gute Suppe, gutes Brot, ein Bett und das Haar umsonst geschoren - im Narrenhaus nämlich -, während ich mit meiner gesunden Vernunft mich höchstens noch zur Beförderung der Reife auf einen Kirschbaum verdingen könnte, um - nun?- um? Kirsche… na…?

LEONCE: Um die Kirschen durch die Löcher in deinen Hosen schamrot zu machen! Aber, Edelster, dein Handwerk, deine Profession, dein Gewerbe, deine Kunst?

VALERIO: Herr, ich habe die große Beschäftigung, müßig zu gehen; ich habe eine ungemeine Fertigkeit und Ausdauer im Nichtstun. Keine Schwiele schändet meine Hände, der Boden hat noch keinen Tropfen von meiner Stirne getrunken, ich bin noch Jungfrau in der Arbeit.

LEONCE: Komm an meine Brust! Komm! Komm!

Schauspieler gehen ab

Kiesbett und Po 4s ausfaden

danachMusik: 3s Bühne 70% anDenken

Musik:450 Denken, starten beiFade 3s FadeBühne 70% an


Szene 2 „König muss denken“

EIN ZIMMER IM SCHLOSS

PETER: (während er angekleidet wird)

LIED

Da - Da!

Du, Du?

Du, Da -

- Da, Du!

Ja!

Da, Du, De

Du - De

De, Du

De, Mu

Demo ?!

Nö!

De - me

Demi

De - mu

Mu - De

Mode!

Mu - De?

Mulde…

Mu-dell?

Modell

Mun-Des

Muss-Den!

Denken!

Muss denken!

Der Mensch - muss - denken,

Musik ausfaden

und ich muss für meine Untertanen denken; denn sie denken nicht, sie denken nicht. - Die Substanz ist das An-Sich, das bin ich. (Er läuft fast nackt im Zimmer herum) Begriffen? An-Sich ist an sich, versteht ihr? Jetzt kommen meine Attribute, Modifikationen, Affektionen und Akzidenzien - wo ist mein Hemd, meine Hose? - Halt, pfui! Der freie Wille steht da vorn ganz offen. Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten? Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung. Mein ganzes System ist ruiniert. - Ha, was bedeutet der Knopf im Schnupftuch? Kerl, was bedeutet der Knopf, an was wollte ich mich erinnern?

ERSTER DIENER: Als Eure Majestät, diesen Kn..

ZWEITER DIENER: Knopf.

ERSTER DIENER: Diesen Knopf in Ihr Schnupftuch zu knüpfen geruhten, so wollten Sie -

KÖNIG: Nun?

ERSTER DIENER: Sich an etwas erinnern.

PETER: Eine verwickelte Antwort! - Ei! Nun, und was meint Er?

ZWEITER DIENER: Eure Majestät wollten sich an etwas erinnern, als sie diesen Knopf in ihr Schnupftuch zu knüpfen geruhten.

PETER: Was? Was? Die Menschen machen mich ganz konfus, ich bin in der größten Verwirrung. Ich weiß mir nicht mehr zu helfen.

ERSTER DIENER: Eure Majestät, der Staatsrat wäre dann soweit…

PETER: (freudig) Ja, das ist´s, das ist´s: Ich wollte mich an mein Volk erinnern. - Kommen Sie, meine Herren! Gehen Sie symmetrisch. Ist es nicht sehr heiß? Nehmen Sie doch auch Ihre Schnupftücher und wischen Sie sich das Gesicht. Ich bin immer so in Verlegenheit, wenn ich öffentlich sprechen soll.

(Auftritt Präsident, Hofprediger, Finanzminister, Hofschulmeister)

Meine Lieben und Getreuen, ich wollte euch hiermit kund und zu wissen tun, kund und zu wissen tun - denn, entweder verheiratet sich mein Sohn oder nicht - entweder, oder - ihr versteht mich doch? Ein Drittes gibt es nicht. Der Mensch muss denken. (Steht eine Zeit lang sinnend). Wenn ich so laut rede, so weiß ich nicht, wer es eigentlich ist, ich oder ein anderer, das ängstigt mich. (Nach langem Besinnen) Ich bin ich. (Hofschulmeister beginnt zu klatschen) - Was halten Sie davon, Präsident?

PRÄSIDENT: Eure Majestät, vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.

PETER: (mit Rührung) O meine Weisen! - Also von was war eigentlich die Rede? Von was wollte ich sprechen? Präsident, was haben Sie ein so kurzes Gedächtnis bei einer so feierlichen Gelegenheit? Die Sitzung ist aufgehoben.

Musik: „Liebesnest“

500 Bühne aus, alles 5s von Tribüne (11-13 15, 17, 18) 100% pink


Szene 3

Kerzen brennen

Szene 3.1 „Sterbende Liebe“

LEONCE: Rosetta! Rosetta?

ROSETTA: Leonce!

LEONCE: Rosetta!

ROSETTA: Deine Lippen sind träg. Vom Küssen?

LEONCE: Vom Gähnen!

ROSETTA: Oh!

LEONCE: Ach, Rosetta, ich habe die entsetzliche Arbeit…

ROSETTA: Nun?

LEONCE: Nichts zu tun…

ROSETTA: Als zu lieben?

LEONCE: Freilich Arbeit! Oder Beschäftigung.

ROSETTA: Oder Müßiggang.

LEONCE: Du hast Recht wie immer. Du bist ein kluges Mädchen und ich halte viel auf deinen Scharfsinn.

ROSETTA: So liebst du mich aus Langeweile?

LEONCE: Nein, ich habe Langeweile, weil ich dich liebe. Aber ich liebe meine Langeweile wie dich. Ihr seid eins. O dolce far niente! Ich träume über deinen Augen wie an wunderheimlichen tiefen Quellen, das Kosen deiner Lippen schläfert mich ein wie Wellenrauschen. (Er umfasst sie) Komm, liebe Langeweile, deine Küsse sind ein wollüstiges Gähnen…

ROSETTA: Du liebst mich, Leonce?

LEONCE: Warum nicht?

ROSETTA: Und immer?

LEONCE: Das ist ein langes Wort - immer! Wenn ich dich nun noch fünftausend Jahre und sieben Monate liebe, ist´s genug? Es ist zwar viel weniger als immer, ist aber doch eine beachtliche Zeit, und wir können uns Zeit nehmen, uns zu lieben.

ROSETTA: Oder die Zeit kann uns das Lieben nehmen.

LEONCE: Oder das Lieben uns die Zeit.

ROSETTA: Fast wie in dem Lied, dass ich heute geschrieben habe.

LEONCE: Lass es mich hören, damit die Zeit im Takt deiner Zeilen geht.

Musik: „Rosettas Lied“

O meine müden Füße, ihr müsst tanzen
In bunten Schuhen,
Und möchtet lieber tief, tief
Im Boden ruhen.

O meine heißen Wangen, ihr müsst glühen
Im wilden Kosen,
Und möchtet lieber blühen -
Zwei weiße Rosen.

O meine armen Augen, ihr müsst blitzen
Im Strahl der Kerzen,
Und schliefet im Dunkel lieber aus
Von euren Schmerzen.

LEONCE: Oh, eine strebende Liebe ist schöner als eine werdende. Wie ihr das Rot von den Wangen stirbt, wie still das Auge ausglüht! Adio, meine Liebe, ich will deine Leiche lieben. Tränen, Rosetta? Du kannst weinen? Stelle dich in die Sonne, damit die köstlichen Tropfen kristallisieren, es muss prächtige Diamanten geben. Du kannst dir ein Halsband daraus machen lassen.

ROSETTA: Wohl Diamanten, sie schneiden mir in die Augen. Ach, Leonce (will ihn umfassen)

LEONCE: Gib Acht! Mein Kopf! Ich habe unsere Liebe darin beigesetzt. Sieh zu den Fenstern meiner Augen hinein. Siehst du, wie schön tot das arme Ding ist? Stoß mich nicht, ich muss meinen Kopf gerade auf den Schultern tragen, wie die Totenfrau einen Kindersarg.

ROSETTA: Narr!

LEONCE: Rosetta! (Sie schneidet ihm eine Fratze) Gott sei Dank! (Hält sich die Augen zu)

ROSETTA: (erschrocken) Leonce, sieh mich an!

LEONCE: Um keinen Preis.

ROSETTA: Nur einen Blick!

LEONCE: Keinen! Was meinst du - um ein klein wenig, und meine liebe Liebe käme wieder auf die Welt. Ich bin froh, dass ich sie begraben habe. Ich behalte den Eindruck.

(Rosetta entfernt sich traurig)


Szene 3.2 „Prügel“

LEONCE: Ein sonderbares Ding um die Liebe.

550 in 6s zu alles 3300k

Man liegt ein Jahr lang schlafwachend zu Bette, und an einem schönen Morgen wacht man auf, fährt sich mit der Hand über die Stirn und besinnt sich - und besinnt sich. - Mein Gott, wie viel Weiber hat man nötig, um die Skala der Liebe auf und ab zu singen? Kaum, dass eine einen Ton ausfüllt. (Er trinkt)

In welcher Bouteille steckt denn der Wein, an dem ich mich heute betrinken soll? Bringe ich es nicht einmal mehr soweit?

 

in 6s zu alles 3300k 

Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Ich stülpe mich jeden Tag vierundzwanzigmal herum wie einen Handschuh. Oh, ich kenne mich, ich weiß, was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahr denken und träumen werde. Bravo, Leonce, Bravo! (Er klatscht). Es tut mir ganz wohl, wenn ich mir so zurufe. He! Leonce! Leonce!

VALERIO: (unter einem Tisch hervor). Eure Hoheit scheint mir wirklich auf dem besten Weg, ein wahrhaftiger Narr zu werden. Warten Sie, wir wollen uns darüber sogleich ausführlicher unterhalten! Ich habe nur noch ein Stück Braten zu verzehren, das ich aus der Küche, und etwas Wein, den ich von Ihrem Tisch gestohlen. Ich bin gleich fertig.

LEONCE: Das schmatzt! Mach fort, grunze nicht so mit deinem Rüssel und klappre mit deinen Hauern nicht so!

VALERIO: Wertester Adonis, sind Sie in Angst um Ihre Schenkel?

LEONCE: Du bleibst nichts schuldig.

VALERIO: Ich wollte, es ginge ihm ebenso.

LEONCE: Meinst du, damit du zu deinen Prügeln kommst? Bist du so besorgt um deine Erziehung?

VALERIO: O Himmel, man kommt leichter zu seiner Erzeugung als zu seiner Erziehung. Als meine Mutter um das Vorgebirge der guten Hoffnung schiffte…

LEONCE: Und dein Vater am Kap Horn Schiffbruch litt…

VALERIO: Richtig, denn er war Nachtwächter. Doch setzte er das Horn nicht so oft an die Lippen als die Väter edler Söhne an die Stirn.

LEONCE: Mensch, du besitzt eine himmlische Unverschämtheit. Ich habe eine große Passion, dich zu prügeln.

VALERIO: Das ist eine schlagende Antwort… (Leonce geht auf ihn los)… und ein triftiger Beweis. (Die beiden prügeln sich, Valerio pariert mit sparsamen Bewegungen, Leonce greift im Furor an, Valerio erteilt ihm eine kleine Lektion, Leonce landet erschöpft auf dem Boden)


Szene 3.3 „Proklamation des Staatsrates“

(Auftritt Staatsrat)Staatsrat

600 1s zu alles Cyan 50% 

PRÄSIDENT: Eure Hoheit verzeihen…

LEONCE: Wie mir selbst! Wie mir selbst!…

HOFPREDIGER: *Und Gott! Gott verzeiht jedem Menschen, der Scham empfindet. Warum ist der Mensch? Wahrlich ich sage euch: Von was hätte der Landmann, der Schuster, der Arzt leben sollen, wenn Gott den Menschen nicht geschaffen hätte? Von was hätte der Schneider leben sollen, wenn er dem Menschen nicht die Empfindung der Scham eingepflanzt hätte? *(nach Büchner: Woyzeck „Predigt auf dem Tisch“)

HOFSCHULMEISTER: Scham wäre eine sehr gegründete Empfindung!

LEONCE: Gott verzeiht den Schamhaften, ich verzeihe mir die Gutmütigkeit, Sie anzuhören. Meine Herren, wollen Sie nicht Platz nehmen? Setzen Sie sich nur auf den Boden und genieren Sie sich nicht!

(Der Hofschulmeister setzt sich, Präsident, Finanzminister und Hofprediger bleiben stehen)

FINANZMINISTER: Genieren. Ja… (er schnipst mit den Fingern) Unsereins hat auch Fleisch und Blut. Aber… *(nach Woyzeck „Beim Hauptmann“)

LEONCE: Schnipsen Sie nicht so mit den Fingern, wenn Sie mich nicht zum Mörder machen wollen.

FINANZMINISTER: Die Tugend… (immer stärker schnipsend)

LEONCE: Mein Gott, stecken Sie doch die Hände in die Hosen, oder setzen Sie sich drauf! Er ist ganz aus der Fassung. Sammeln Sie sich!

VALERIO: Man darf Kinder nicht während des P…. unterbrechen, sie bekommen sonst eine Verhaltung.

PRÄSIDENT: (zieht ein Papier aus der Tasche) Erlauben Eure Hoheit…

LEONCE: Was? Sie können schon lesen? Nun denn…

PRÄSIDENT: Dass man der zu erwartenden Ankunft von Eurer Hoheit verlobter Braut, der Durchlauchtigsten Prinzessin Lena von Pipi, auf morgen sich zu gewärtigen habe, davon lässt Ihre Königliche Majestät Eure Hoheit benachrichtigen.

LEONCE: Wenn meine Braut mich erwartet, so werde ich ihr den Willen tun und sie auf mich warten lassen. Ich habe sie gestern Nacht im Traum gesehen, sie hatte ein paar Augen, so groß, dass die Tanzschuhe meiner Rosetta zu Augenbrauen darüber gepasst hätten, und auf den Wangen waren keine Grübchen, sondern ein paar Abzugsgräben für das Lachen. Ich glaube an Träume. Träumen Sie zuweilen, Herr Präsident?

PRÄSIDENT: An dem Tage der Vermählung ist Ihre Königliche Majestät gesonnen, seine allerhöchsten Willensäußerungen in die Hände Eurer Hoheit niederzulegen.

LEONCE: Sagen Sie, dass ich alles tun werde, das ausgenommen, was ich werde bleiben lassen. Meine Herren, Sie entschuldigen, dass ich Sie nicht begleite, ich habe gerade die Passion zu sitzen. Valerio, gib den Herren das Geleite!

VALERIO: Das Geläute? Soll ich dem Herrn Präsidenten eine Schelle anhängen?

LEONCE: Mensch, du bist nichts als ein schlechtes Wortspiel.

VALERIO: Und Sie, Prinz, sind ein Buch mit nichts als Gedankenstrichen. Kommen Sie jetzt meine Herren. Es ist eine traurige Sache um das Wort „kommen“. Will man Einkommen, so muss man stehlen; ein Auskommen hat man jeden Augenblick mit seinem Witz, wenn man nichts mehr zu sagen weiß, wie ich zum Beispiel eben, und Sie, ehe Sie noch wirklich etwas gesagt haben. Ihr Fortkommen werden Sie jetzt zu suchen ersucht.

(Valerio mit Staatsrat ab)

alles in 4s auf 3300k, Bühne 40%, Rest 100% 


Szene 3.4 „Andere Pläne“

LEONCE: (allein) Wie gemein ich mich zum Ritter an den armen Teufeln gemacht habe. Es steckt nun aber doch einmal ein gewisser Genuss in einer gewissen Gemeinheit. Hm! Heiraten! Das heißt einen Ziehbrunnen leer trinken.

(Valerio kommt zurück) Ach, Valerio, hast du es gehört?

VALERIO: Nun, Sie sollen König werden. Das ist eine lustige Sache. Man kann den ganzen Tag spazieren fahren, aus ordentlichen Menschen ordentliche Soldaten ausschneiden, man kann schwarze Fräcke zu Staatsdienern machen und wenn man stirbt, so reißen die Glockenstricke wie Zwirnsfäden vom vielen Läuten. Ist das nicht unterhaltend?

LEONCE: Valerio! Wir müssen was andres treiben. Rate!

VALERIO: Ach, die Wissenschaft! Ungeheuer wichtig. Wir wollen Gelehrte werden! Nicht? So wollen wir - Mir nach Männer! Attacke!!!!! - Helden werden!

LEONCE: Pack dich mit deiner Napoleonsromantik!

VALERIO: So wollen wir Genies werden! Nichts leichter als das, seltsame Käuze sind wir schon…. Auch nicht? Ich hab´s: Nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft!

LEONCE: Niemals!

VALERIO: So wollen wir zum Teufel gehen!

LEONCE: Ach, der Teufel ist nur des Kontrastes wegen da, damit wir begreifen sollen, dass am Himmel doch eigentlich etwas sei. (aufspringend) Ah, Valerio, Valerio, jetzt hab ich´s! Fühlst du nicht das Wehen aus dem Süden? Fühlst du nicht, wie das Licht blitzt von dem goldnen, sonnigen Boden, von der Salzflut, von den Marmorsäulen - und Marmorleibern, die im Schatten über den tief rauschenden Wellen von tollen Nächten voll Masken, Fackeln und Gitarren träumen. Valerio! Wir gehen nach Italien. (Beide ab)

Musik "Interlude Kalimba"

Umbau: Po und Absperrung wird abgebaut

Kiesbett aus

Rosa Schal rein

Bühne 100% auf red 50%


Szene 4 „Im Hochzeitskleid“

Prinzessin Lena im Brautschmuck

LENA: Ja, jetzt! Da ist es. Ich dachte die Zeit an nichts. Es ging so hin, uns auf einmal richtet sich der Tag vor mir auf. Ich habe den Kranz im Haar - und die Glocken, die Glocken! (Sie lehnt sich zurück und schließt die Augen) Sieh, ich wollte, der Rasen wüchse so über mich, und die Bienen summten über mir hin; sieh, jetzt bin ich eingekleidet und habe Rosmarin im Haar. Gibt es nicht ein altes Lied:

Auf dem Kirchhof will ich liegen,

Wie ein Kindlein in der Wiegen.

VALENTINA: Armes Kind, wie Sie bleich sind unter Ihren blitzenden Steinen!

LENA: O Gott, ich könnte lieben, warum nicht? Man geht ja so einsam und tastet nach einer Hand, die einen hielte, bis die Leichenfrau die Hände auseinander nähme und sie jedem über der Brust faltete. Aber warum schlägt man einen Nagel durch zwei Hände, die sich nicht suchten? Was hat meine arme Hand getan? (zieht einen Ring vom Finger) Dieser Ring sticht mich wie eine Natter.

VALENTINA:

Aber - er soll ja ein wahrer Don Carlos sein!

LENA: Aber - ein Mann…

VALENTINA: Nun?

LENA: Den man nicht liebt. (Sie erhebt sich) Pfui! Siehst du, ich schäme mich. - Morgen ist aller Duft und Glanz von mir gestreift. Bin ich denn wie die arme, hilflose Quelle, die jedes Bild, das sich über sie bückt, in ihrem stillen Grund abspiegeln muss? Die Blumen öffnen und schließen, wie sie wollen, ihre Kelche der Morgensonne und dem Abendwind. Ist denn die Tochter eines Königs weniger als eine Blume?

VALENTINA: Lieber Engel, du bist doch ein wahres Opferlamm!

LENA: Jawohl, und der Priester hebt schon das Messer. - Mein Gott, mein Gott, ist es denn wahr, dass wir uns selbst erlösen müssen mit unserm Schmerz?

VALENTINA: Mein Kind! Mein Kind! Ich kann dich nicht so sehen. Es kann nicht so gehen, es tötet dich. - Vielleicht, wer weiß! Ich habe so etwas im Kopf. Wir wollen sehen. Komm! (sie führt die Prinzessin weg)

Rosa Schal raus

3s in Blackout
Musik

nach ca. 1,5 Minuten Musik: s Fade in alles 100% orange 

2. Akt

Szene 1 „Vapiano und Lackaff“

FREIES FELD. EIN WIRTSHAUS IM HINTERGRUND

VALERIO: (keuchend) Auf Ehre, Prinz, die Welt ist doch ein ungeheuer weitläufiges Gebäude.

LEONCE: Nicht doch! Nicht doch! Ich wage kaum die Hände auszustrecken, wie in einem engen Spiegelzimmer, aus Furcht, überall anzustoßen, dass Scherben auf dem Boden lägen und ich vor der kahlen nackten Wand stünde.

VALERIO: Wir sind schon durch ein Dutzend Fürstentümer und durch ein paar Königreiche gelaufen, und das in der größten Übereilung - und warum? Weil man König werden und eine schöne Prinzessin heiraten soll! Und Sie leben noch in einer solchen Lage? Ich begreife Ihre Resignation nicht. Ich begreife nicht, dass Sie nicht längst Arsen genommen, sich auf das Geländer des Kirchturms gestellt und sich eine Kugel durch den Kopf gejagt haben, um es ja nicht zu verfehlen.

LEONCE: Aber Valerio, die Ideale! Ich habe das Ideal eines Frauenzimmers in mir und muss es suchen. Sie ist unendlich schön und unendlich geistlos. Die Schönheit ist da so hilflos, so rührend. Es ist ein köstlicher Kontrast: diese himmlisch stupiden Augen, dieser göttlich einfältige Mund, dieser geistige Tod in diesem geistlosen Leib.

VALERIO: Teufel, da sind wir schon wieder auf einer Grenze. Das ist ein Land wie eine Zwiebel: Nichts als Schalen. Soll denn dieser Pack mein Grabstein werden?

Prinz! - ich werde philosophisch - ein Bild des menschlichen Lebens: Ich schleppe diesen Pack mit wunden Füßen durch Frost und Sonnenbrand, weil ich abends ein reines Hemd anziehen will, und wenn endlich der Abend kommt, so ist meine Stirn gefurcht, meine Wangen hohl, mein Auge dunkel, und ich habe gerade noch Zeit, mein Hemd anzuziehen, als Totenhemd. Hätte ich nun nicht gescheiter getan, ich hätte mein Bündel in der erstbesten Kneipe verkauft und hätte mich dafür betrunken und im Schatten geschlafen?

Ei, du lieber Pack, welch ein köstlicher Duft, Wein - und Bratengerüche!

Kommt, Prinz, es folgt die Anwendung und die Praxis.

(beide gehen Richtung Wirtshaus, daraus stürmen die Wirtin und der Kellner)

WIRTIN: Halt!

VALERIO: Die galante Frau Wirtin, nehme ich an?

KELLNER: Stehen bleiben, sofort stehen bleiben! Da sind ja zwei!!

WIRTIN: Sieh einmal, ob keiner davonläuft.

KELLNER: Ich glaube, es läuft keiner.

WIRTIN: So müssen wir sie beide inquirieren. Gesucht wird ein Subjekt, ein Individuum, eine Person, ein Delinquent, einen Kerl. (zum Kellner) Sieh einmal, wird keiner rot?

KELLNER: Es ist keiner rot geworden.

WIRTIN: So müssen wir es anders probieren. - Wo ist der Steckbrief… Meine Herren, bevor wir sie in unserm Wirtshaus aufnehmen können, müssen wir uns untertänigst davon überzeugen, ob einer von ihnen der gesuchte …. Wo, ist… Ah, da… Wer hat den Bratenfleck auf das Dokument gemacht?…Teufel, dann lies du! Ich visiere die Subjekte.

KELLNER: Gesucht wird ein Mensch. - Passt nicht, es sind zwei.

WIRTIN: Dummkopf, lies weiter.

KELLNER: Der … Kerl also „…hat sich der gerichtlichen Untersuchung seiner indizierten Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen durch Entfernung entzogen“ *Büchner Dokumente / Steckbrief S. 482

LEONCE: Staatsverräterische Handlungen?

WIRTIN: Ein Lump, er soll den Grimm des einfachen Volkes gegen die Obrigkeit zu entfachen suchen.

VALERIO: Ich hab ihn: Mein Pack ist dieser Lump! Er ist schuld an meinem Grimm auf die Obrigkeit! In Person von…

LEONCE: …deinem Neffen!

VALERIO: Richtig. Ich bin Onkel Va..

LEONCE: …piano! Onkel Vapiano!

VALERIO: So ist es, das ist mein Neffe L…ackaff und mein Pack hier ist der gesuchte Lump!

WIRTIN: Lies weiter!

KELLNER: “… geht auf zwei Füßen, …“

VALERIO: Ich gestehe! Es sind meine Füße, nicht seine.

KELLNER: „…hat zwei Arme, ferner einen Mund, eine Nase, zwei Augen, zwei Ohren. Besondere Kennzeichen: ein höchst gefährliches Individuum.“

WIRTIN: Das passt auf beide.

KELLNER: Sollen wir sie dann beide dem Arrest zuführen?

WIRTIN: Zwei, das ist gefährlich, wir sind auch nur zwei. Aber ich will einen Rapport machen. Wenn wir sie als Gäste wieder verabschieden. (zu Leonce und Valerio) Willkommen im „Wirtshaus zur goldenen Sonne“! Wir bitten gnädigst um Vorkasse. Dazu sind die Herren Vapiano und Lackaff doch fähig? Ist das eigentlich Französisch?

VALERIO: Wir sind so deutsch wie Sie… und Sie sollen noch erleben, zu was ein Deutscher nicht fähig ist, wenn er Hunger hat. Ich wollte, es ginge der ganzen Nation wie mir. Wenn es einmal ein Mißjahr gibt, worin nur der Hanf gerät! Das sollte lustig gehen. * nach Büchner, Brief an Karl Gutzkow, S. 421

WIRTIN: Nun?

LEONCE: Wie wäre es damit?

(Sie bieten Kleidung aus dem Pack an)

WIRTIN: Für eine Nacht reicht es.

VALERIO: Und ein Fläschchen von ihrem roten.

WIRTIN: Von mir aus. Hereinspaziert! (sie zeigt Valerio und Leonce den Weg)

VALERIO: Endlich - Pause!

Einlasslicht


- Pause -

Evtl. Musik Gong


Szene 2 „Herzdame“

(Prinzessin Lena und Valeria kommen aus „Wäldchen“)

Lichtstimmung: Sonnenuntergang, alles auf gold amber

VALENTINA: (außer Atem) Es muss ein verhexter Tag sein, die Sonne will nicht untergehen, und es ist so unendlich lang seit unsrer Flucht.

LENA: Nicht doch, meine Liebe, die Blume ist ja kaum welk, die ich zum Abschied brach, als wir aus dem Garten gingen.

VALENTINA: Und wo sollen wir ruhen? Wir sind noch auf gar nichts gestoßen. Kein Kloster, keinen Eremiten - nicht einmal hier!

LENA: Wir haben alles wohl anders geträumt mit unsern Büchern hinter der Mauer unseres Gartens, zwischen unsern Myrten und Oleandern.

VALENTINA: Oh, die Welt ist abscheulich!

LENA: Oh, sie ist schön und so weit, so unendlich weit! Ich möchte immer so fort gehen, Tag und Nacht. Es rührt sich nichts. Ein roter Blumenschein spielt über die Wiesen, und die fernen Berge liegen auf der Erde wie ruhende Wolken.

VALENTINA: Du mein Jesus, was wird man sagen? Wir müssen ein Obdach suchen - es wird Abend!

LENA: Ja, und die Sonnenstrahlen wiegen sich an den Grashalmen wie müde Libellen.

(Valerio und Leonce kommen mit Wein aus dem Gasthaus)

VALERIO: Nun, Prinz, liefern Ihre Hosen nicht ein köstliches Getränk? Laufen sie nicht mit der größten Leichtigkeit die Kehle hinunter?

LEONCE: Siehst du die alten Bäume? Diese alten Steine? Das alles hat seine Geschichten, seine lieblichen, heimlichen Geschichten. Siehst du die greisen, freundlichen Gesichter unter den Reben? Wie sie sitzen und sich bei den Händen halten und Angst haben, dass sie so alt sind und die Welt so jung? O Valerio, und ich bin so jung und die Welt ist so alt. Ich bekomme manchmal eine Angst um mich und könnte mich in eine Ecke setzen und heiße Tränen weinen aus Mitleid mit mir.

VALERIO: (gibt ihm ein Glas) Ergo Bibamus! Nimm diese Glocke, diese Taucherglocke, und senke dich in das Meer des Weines, dass es Perlen über dir schlägt. (…) Diese Flasche ist keine Geliebte, keine Idee, sie wird nicht langweilig, sie wird nicht treulos. Sie bleibt eins vom ersten Tropfen bis zum letzten. Du brichst das Siegel, und alle Träume, die in ihr schlummern, sprühen dir entgegen.

LEONCE: Welch unheimlicher Abend! Da unten ist alles still, und da oben wechseln und ziehen die Wolken, und der Sonnenschein geht und kommt wieder. Und alles so rasch, so wirr, und da unten rührt sich kein Blatt, kein Halm. Die Erde hat sich ängstlich zusammengeschmiegt wie ein Kind, und über ihre Wiege schreiten die Gespenster.

VALERIO: Ich weiß nicht, was Ihr wollt, mir ist ganz behaglich zumut. Die Erde ist wie ein Tisch, auf dem Wein verschüttet ist, und wir liegen drauf wie Spielkarten, mit denen Gott und der Teufel aus Langeweile eine Partie machen, und Ihr seid ein Kartenkönig, und ich bin ein Kartenbube, es fehlt nur noch eine Dame, eine schöne Dame, mit einem großen Lebkuchenherz auf der Brust und einer mächtigen Tulpe, worin die lange Nase sentimental versinkt (Valeria und Lena treten auf) und - bei Gott, da ist sie! Es ist aber eigentlich keine Tulpe, sondern eine Prise Tabak. (Zu Valeria) Warum schreiten Sie, Werteste, so eilig, dass man ihre Waden bis zu ihren respektablen Strumpfbändern sieht?

VALENTINA: (heftig erzürnt) Warum reißen Sie, Geehrtester, das Maul so weit auf, dass Sie einem ein Loch in die Aussicht machen?

VALERIO: Damit Sie, Geehrteste, sich die Nase am Horizont nicht blutig stoßen…. (Valerio und Valentina erkennen sich wieder)

LENA: (zur Valentina) Meine Liebe, ist denn der Weg so lang?

LEONCE: (träumend vor sich hin) O, jeder Weg ist lang. Das Picken der Totenuhr in unserer Brust ist langsam, und jeder Tropfen Blut mißt seine Zeit, und unser Leben ist ein schleichend Fieber. Für müde Füße ist jeder Weg zu lang…

LENA: Und müden Augen jedes Licht zu scharf, und müden Lippen jeder Hauch zu schwer, (lächelnd) und müden Ohren jedes Wort zu viel. Valentina! (Sie tritt mit der Valentina in das Haus)

LEONCE: O lieber Valerio, ich hab es, glaub ich, ganz melancholisch gesagt. Gott sei Dank, dass ich anfange mit der Melancholie niederzukommen! - O diese Stimme: „Ist denn der Weg so lang?“ Es reden viele Stimmen über die Erde, und man meint, sie sprächen von andern Dingen, aber ich habe sie verstanden. Welch Werden in mir, wie sich die Stimme durch den Raum gießt! - „Ist denn der Weg so lang?“ (geht ab)

VALERIO: (sehr ernst) Nein, der Weg zum Narrenhaus ist nicht so lang; er ist leicht zu finden, ich kenne alle Fußpfade und Chausseen dorthin.

Musik: „Mondtrunken - Interlude"

zu klären: wann kommt der Mond rein?

Mond fährt rein

Nach 8s Musik Licht auf Frauenzimmer, alles andere dunkel

Wenn Mond an der Endposition ist: Licht auf Mond an 


Szene 3 „Unruhe“

EIN ZIMMER

VALENTINA: Denken Sie nicht an den Menschen!

LENA: Er war so alt unter seinen blonden Locken. Den Frühling auf den Wangen und den Winter im Herzen! Das ist traurig. Der müde Leib findet sein Schlafkissen überall, doch wenn der Geist müd ist, wo soll er ruhen? Es kommt mir ein entsetzlicher Gedanke: Ich glaube, es gibt Menschen, die unglücklich sind, unheilbar, bloß weil sie sind. (sie erhebt sich)

VALENTINA: Wohin, mein Kind?

LENA: Ich will in den Garten.

VALENTINA: Aber…

LENA: Aber, liebe Mutter? Ich brauche Tau und Nachtluft, wie die Blumen. - Hörst du die Harmonien des Abends? Ich kann nicht im Zimmer bleiben. Die Wände fallen auf mich.

Frauen gehen ab

Licht Frauenzimmer aus, Mond heller, Bühne Nachtstimmung



Szene 4 „Seliger Traum“

IM GARTEN

VALERIO: Es ist eine schöne Sache um die Natur, sie wäre aber noch schöner, wenn es keine Schnaken gäbe und die Wirtsbetten etwas reinlicher wären. Deshalb kann ich nicht schlafen. Drin schnarchen die Menschen, und draußen quaken die Frösche. Deshalb - nicht an Schlaf zu denken. Lieber Rasen, dies ist ein rasender Entschluss! (Er legt sich auf den Rasen)

LEONCE: (tritt auf) O Nacht, balsamisch wie die erste, die auf das Paradies herabsank!

LENA: (tritt auf, spricht vor sich hin) Die Nacht schläft tiefer, ihre Wange wird bleicher und ihr Atem stiller. Der Mond ist wie ein schlafendes Kind, die goldenen Locken sind ihm im Schlaf über das liebe Gesicht heruntergefallen. - O, sein Schlaf ist Tod. Wie der tote Engel auf seinem dunklen Kissen ruht und die Sterne gleich Kerzen um ihn brennen! Armes Kind! Es ist traurig, tot und so allein.

LEONCE: Steh auf in deinem weißen Kleid und wandle hinter der Leiche durch die Nacht und singe ihr das Sterbelied!

LENA: Wer spricht da?

LEONCE: Ein Traum.

LENA: Träume sind selig.

LEONCE: So träume dich selig und lass mich dein seliger Traum sein.

LENA: Der Tod ist der seligste Traum.

LEONCE: So lass mich dein Todesengel sein! Laß meine Lippen sich gleich seinen Schwingen auf deine Augen senken. (Er küsst sie sanft auf die Augen) Schöne Leiche, du ruhst so lieblich auf dem schwarzen Bahrtuch der Nacht, dass die Natur das Leben hasst und sich in den Tod verliebt.

LENA: (sie küsst ihn) Nein, lass mich! (Sie springt auf und entfernt sich rasch)

LEONCE: Zu viel! Zu viel! Mein ganzes Sein ist in dem einen Augenblick. Jetzt stirb! Mehr ist unmöglich. Wie frisch atmend, schönheitsglänzend ringt die Schöpfung sich aus dem Chaos mir entgegen! (er schüttet Gift in sein Weinglas) Hinab, heiliger Becher!

VALERIO: (springt auf und will ihn abhalten zu trinken) Halt!

LEONCE: Lass mich!

VALERIO: Ich werde Sie lassen, sobald sie gelassen sind und das zu lassen versprechen.

LEONCE: Dummkopf!

VALERIO: Ist denn Eure Hoheit nicht über die Leutnantsromantik hinaus: Das Glas zum Fenster hinauszuwerfen, womit man auf die Gesundheit seiner Geliebten getrunken?

LEONCE: Ich glaube halbwegs, du hast Recht.

VALERIO: Trösten Sie sich! Wenn Sie auch nicht heut Nacht unter dem Rasen schlafen, so schlafen Sie wenigstens darauf. Es wäre ein ebenso selbstmörderischer Versuch, in eins von den Betten gehn zu wollen. Man liegt auf dem Stroh wie ein Toter und wird von den Flöhen gestochen wie ein Lebendiger.

LEONCE: Mensch, du hast mich um den schönsten Selbstmord gebracht! Ich werde in meinem Leben keinen so vorzüglichen Augenblick mehr dazu finden, und das Wetter ist so vortrefflich. Jetzt bin ich schon aus der Stimmung. Der Kerl hat mir alles verdorben. - Der Himmel beschere mir einen recht gesunden, plumpen Schlaf. Ich heul den Flöhen was vor. (geht ab)

VALERIO: Amen! (Valentina kommt unbemerkt) Und ich hab ein Menschenleben gerettet und werde mir mit meinem guten Gewissen heut Nacht den Leib warm halten.



Szene 4+ „Neue, alte Liebe“

*UZ

VALENTINA: So ist das Valerio. Schade…

VALERIO: Valentina.

VALENTINA: Ja?

VALERIO: Kannst du nicht schlafen?

VALENTINA: Hab ich doch vorhin etwas verloren, irgendwo muss es sein….

VALERIO: Valentina. Kannst du wegen eines Narren nicht schlafen?

VALENTINA: … ha, da ist es ja…

VALERIO: Zeig einmal…

VALENTINA: Nein.

VALERIO: Jetzt zeig.

VALENTINA: Du lachst mich aus.

VALERIO: Niemals. Höchstens ganz leise.

VALENTINA: Mein Herz, mein Herz hab ich verloren!

VALERIO: Dein Herz?

VALENTINA: An dich, du Narr! Schon wieder. Das weißt du doch. Wie dumm. Ein gräßliches Theater, wenn der Ausgang am Anfang schon seinen schalen Geschmack über das Lustspiel gießt.

VALERIO: Vielleicht wird es ja gefunden…

VALENTINA: Und dann? Es ist dir zu schwer, zu heiß, zu viel, ich weiß. Da gehen die Jahre so hin und was ändert sich? Eine zeitlang schien Ruhe einzukehren. Mein Täubchen um mich jede Stunde. Das Kinderlachen, die aufgestoßnen Knie, der heilige Ernst der Traumgeschichten. Da war ich eins mit der Welt.

Aber wenn nachts der Nordwind durch die Fensterritzen pfiff und ich ans Fenster ging, die schweren Vorhänge dichter zu schliessen - und ein Schatten bewegte sich im Park…

VALERIO: Du hättest schreiben können…

VALENTINA: Wohin denn? Laternenpfahl in Einöd, Brückenpfeiler links vom Fluss? (Er holt etwas aus einem klappbarem Amulett um seinen Hals)

VALERIO (singt)

Musik: „Locke und Lied“



Meine Lieder sandte ich dir, 
Meines Herzens strömende Quellen, 
Deine Locke sandtest du mir, 
Deines Hauptes ringelnde Wellen; 
Hauptes Welle und Herzens Flut, 
Sie zogen einander vorüber; 
Haben sie nicht im Kusse geruht? 
Schoß nicht ein Leuchten darüber?

Ich denke dein im trauten Kreis der Freunde,
Ich denke dein in dem Gewühl der Schlacht,
Ich denke dein beim Neidgezisch der Feinde,
Und wenn die Felsenkluft vom Donner kracht.



VALENTINA (singt)

Ich denke dein im finstern Stadtgewühle
Und in dem Tal, wo nur der Hirte pfeift,
Ich denke dein in sehnsuchtsvoller Stille
Und auf dem Feld, wo schon die Ähre reift.

Ich denke dein, ich sitze oder stehe, 


8s Fade von Nachtstimmung in violetter

Du schwebst, o Trauter, überall um mich 
Und, wenn in stiller Schwermut leis ich gehe,
Vergeß ich alles, alles; nur nicht dich

Sieh her, nicht eine Hand dir nur, 
Ich reiche beide dir entgegen, 
Zum Leiten auf verlorne Spur, 
Zum Liebespenden und zum Segen.

Musik bleibt; Auftritt Leonce und Lena
beide Paare ab
Nordlichter über 1-4 - zart poetisch
Musik bleibt
Nordlichter 4s ausfaden
wieder in violette Nachtstimmung 

Valentina und Leonce kreuzen Bühne
Musik langsam ausfaden
Licht Bühne Morgendämmerung grau

nach 3s dazu: Herrenzimmer in 3s einfaden in Warmweiß


3. Akt

Szene 1 „Inkognito Heiraten“

(Leonce und Valerio)

VALERIO: Heiraten? Seit wann…..?

LEONCE: Weiß Du, Valerio, dass selbst der Geringste unter den Menschen so groß ist, dass das Leben noch viel zu kurz ist, um ihn lieben zu können? Und dann kann ich doch einer gewissen Art von Leuten, die sich einbilden, dass nichts so schön und heilig sei, dass sie es nicht noch schöner und heiliger machen müssten, die Freude lassen. Es liegt ein gewisser Genuss in dieser lieben Arroganz. Warum soll ich Ihnen denselben nicht gönnen?

VALERIO: Sehr human und sehr philobestialisch! Aber weiß sie auch, wer Sie sind?

LEONCE: Sie weiß nur, dass sie mich liebt.

VALERIO: Und weiß Eure Hoheit auch, wer sie ist?

LEONCE: Dummkopf! Frag doch die Nelke nach ihrem Namen!

VALERIO: Aber, wie soll das gehn? - Hm! Prinz, bin ich Minister, wenn Sie heute vor Ihrem Vater mit der Namenlosen mittels des Ehesegens zusammengeschmiedet werden? Ihr Wort?

VALERIO: Der arme Teufel Valerio empfiehlt sich seiner Exzellenz dem Herrn Staatsminister Valerio von Valeriental. - „Was will der Kerl? Ich kenne ihn nicht. Fort, Schlingel!“ (Beide ab)

Herrenzimmer 3s ausfaden, Frauenzimmer parallel in 3s einfaden


Szene 1+ „Mit aller Gewalt in die Liebe“

*UZ

(Auftritt Valentina und Lena)

LENA: Nur Geduld, meine Liebe, ich will es dir erklären. * Brief S. 397

VALENTINA: Ich bitte darum!

LENA: Bald im Tal, bald auf den Höhen zogen wir durch das liebliche Land.

VALENTINA: Lieblich? Ein gräßliches Land …

LENA: In mir ward alles so frei, so hold, alles ein Versprechen, der Staub der Strasse und der Tropfen auf der Stirn.

VALENTINA: Ein höchst schmutziges Versprechen, wie mir scheint.

LENA: Immer so fort wollte ich gehen -

VALENTINA: - meiner armen Knochen nicht eingedenk…

LENA: Bis Himmel und Erde verschmolzen in dem Wort…

VALENTINA: Denken Sie nicht an den Menschen!

LENA: Ich habe ja gesagt. Ich lache über meine Narrheit und werfe mich doch mit aller Gewalt in die Liebe.* Büchner. Briefe S. 403

VALENTINA: Was wisst ihr über ihn? Nichts.

LENA: Gerade darum ist es - wie der Geist, der übers Wasser schwebt, vor dem ersten Morgen: … - Ich liebe ihn.

VALENTINA: Der Zauber einer Nacht kann das erste Tageslicht kaum überstehn. Sich ewig binden …. - prüft ihn! Mein, Gott, mein Gott, sind wir nicht eben geflohen, um dem Joch der Ehe zu entkommen? Will die Katze im Sack kaufen!! Seid ihr euch wirklich sicher?

LENA: Was kann ich sagen, was versprechen, als was in dem Wort Liebe schon liegt, Treue? * Büchner: Briefe S. 408

Die Stimme, die ich hörte, tief im Innern, hat wer ich bin und mein Erinnern fast verschlungen.* Büchner: Leonce und Lena, Zitat Adalbert von Chamisso S. 127

Namenlos gehn ich und er in einen neuen Morgen ein. Stehst Du mir bei?

VALENTINA: Mein Kind, mein Engel, ich hüte dein Geheimnis, wie den Augapfel in meinem Auge.

Musik: ?

Licht Frauenzimmer 3s ausfaden, Licht Bühne Morgendämmerung grau bleibt

Kellner tritt auf, knipst Mond aus

ad hoc Mond aus, Bühnenlicht  3300k taghell an

Kellner kurbelt den Mond raus; Wirtin kommt dazu


Zwischenspiel „Steuer und Erpressung“

Zeitz
(Früher Morgen)

KELLNER: Tante, mir ist grad so ein Gedanke gekommen: Was werden die Gäste sagen, wenn wir einfach fort sind?

WIRTIN: (aufgeputzt) Schrei noch etwas lauter, damit wir es auch ja erleben!

KELLNER: Tante, jahrelang hat´s Backpfeifen geregnet, wenn ich auch nur gefragt habe, ob ich auf den Rummel kann - und jetzt stehlen wir uns vor dem Hahnenschrei aus dem Gasthof und lassen die Küche unberührt?

WIRTIN: So eine royale Hochzeit gibt es nicht oft zu erleben. Da muss man mal eine Ausnahme machen!

KELLNER: … Beim Wort „stehlen“ ist es mir heiß den Buckel heruntergelaufen: Was, wenn sie uns bestehlen?… da fällt mir ein: den Rapport beim Polizeirevier haben wir auch noch nicht gemacht!

WIRTIN: Du Hasenfuß, erstens: was sollen sie schon stehlen? Außerdem haben wir den beiden Landstreichern mit unserer Befragung einen schönen Schrecken in die Knochen gejagt! Die Stube werden sie uns fegen, damit wir gut von ihnen sprechen. Und was die Polizei betrifft: Man hört, die seien alle abkommandiert zur Königlichen Vermählung von Prinz Leonce und Prinzessin Lena.

KELLNER: Ist das gut?

WIRTIN: Esel! Wäre einer der beiden Männer der Gesuchte, läge er schlafend in Zimmer eins und und kann so keinen Aufruhr veranstalten und kein Attentat begehen. Ergo: Unser Rapport kann warten.

Beeil dich mal, wir verpassen sonst das Spektakel! Eine echte Prinzessin heiratet einen echten Prinzen! Ich bin schon so gespannt auf das Kleid.

KELLNER: (lacht)

WIRTIN: Was gibt es denn da zu lachen?

KELLNER: Ich hab verstanden: Hi, Ratte… Verstehst du Tante? Hi, Ratte!!

WIRTIN: Gott sei gelobt, bin ich kinderlos geblieben…

KELLNER: Da kommt jemand!

WIRTIN: Was ein Mann, wie ein Baum! * nach Büchner: Woyzeck, S. 155

KELLNER: Ei, was freundliches Auge, Frau Tante! So was ist man von ihr nicht gewöhnt. Und wenn es einer von der polizeilichen Behörde ist….?

FINANZMINISTER: Guten Tag.

WIRTIN: Einen wundervollen guten Morgen, zu so früher Stunde schon unterwegs?!

FINANZMINISTER: Sie beide ja auch.

KELLNER: Wenn ich jetzt zu Ihnen sage: Hi, Ratte! Was würden Sie sagen? Verstehn Sie? Hi, Ratte!

WIRTIN: Er meint das nicht so…

FINANZMINISTER: Gehören Sie zum Wirtshaus?

(gleichzeitig: WIRTIN: Nein. KELLNER: Ja.)

KELLNER: Ich hole die Papiere. Meldepflicht, Sie wissen ja. Ich bin gleich zurück!

(Kellner ab;

Wirtin und Finanzminister lächeln sich abwechseln an)

WIRTIN: Der Junge ist immer so korrekt. (Pause) Sie kommen ..?

FINANZMINISTER: Von weit her.

WIRTIN: Sehr weit?

FINANZMINISTER: Sehr. … Das Leben ist hier…?

WIRTIN: Hart. Sehr. Viel Arbeit. Schwielen an den Händen, fühlt einmal! Wenig Gäste. Wenig Geld. Viele Steuern. (Pause) Die Hochzeit im Reiche Popo….

FINANZMINISTER: Unfassbar…

WIRTIN: 100 Pfauen sollen den Schlossplatz schmücken, eine ganze Insel für die Flitterwochen angemietet worden sein, Blumen für 20.000. Was das alles kostet. Und unsereins…

FINANZMINISTER: Die politischen Verhältnisse könnten mich wahnsinnig machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Fürsten ihre Affenkomödie spielen. * Büchner, Briefe S. 403

Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag; sie wohnen in Palästen, sie tragen zierliche Kleider und wissen sich vor Langeweile nicht zu retten;

das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker. Der Bauer geht im Schweiße seines Angesichts hinter dem Pflug und treibt den Ochsen an, der Vornehme geht hinter ihm, treibt beide an, nimmt das Korn und lässt ihm die Stoppeln! Im Reiche Popo wurden in diesem Jahr

Erstens: an direkten Steuern 2 128 131 Gulden gezahlt,

Zweitens: Indirekte Steuern 2 478 264 Gulden, dann noch Regalien, Geldstrafen und Einnahmen aus verschieden Quellen *nach Büchner: Der hessische Landbote S. 211, 212

Und von wem? Vom einfachen Volk, nicht vom Vornehmen, der vor Reichtum nicht weiß, was er mit seinem Geld machen soll. Während eine Heerschar von Beratern dafür sorgt, dass er weniger Steuern zahlt als sie, Frau Wirtin. Und was sagt der König dazu? „Der Mensch muss denken“. Denken! Als ob er das könnte!

KELLNER: (der währenddessen zurückgekommen ist) Hier ist der Steckbrief. Gesucht wird ein Mensch. - Passt. Er hat sich der gerichtlichen Untersuchung seiner indizierten Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen durch Entfernung entzogen“ *Büchner Dokumente / Steckbrief S. 482

…geht auf zwei Füßen, hat zwei Arme, ferner einen Mund, eine Nase, zwei Augen, zwei Ohren. Besondere Kennzeichen: ein höchst gefährliches Individuum. Tante. Mich sticht der Floh. Was machen wir denn jetzt?

WIRTIN: (dreht ihm den Arm auf den Rücken) Wie war doch gleich der werte Name?

FINANZMINISTER: (schwitzt) Ich bin der Finanzminister vom Reiche Popo!

KELLNER: Und ich der Papst vom Reiche Pipi!

WIRTIN: Da haben wir doch ein schönes Hochzeitsgeschenk, für das sich Ihre königliche Hoheit sicher erkenntlich zeigen wird!

FINANZMINISTER: Sie machen einen Fehler!

WIRTIN: Gehen wir, bevor die Gäste aufwachen.

KELLNER: Die sind weg.

WIRTIN: Bist du sicher?

KELLNER: Absolut. Ich wollte mir die junge Frau noch einmal ansehen. Aber sie war weg. Da hab ich bei den Herren nachgesehen, nicht dass da was durcheinander kam, aber die sind auch wie vom Erdboden verschluckt.

WIRTIN: Mitten zu nachtschlafender Zeit aus dem Haus geschlichen…?

KELLNER: Höchst gefährliche Individuen. Mich sticht der….!

FINANZMINISTER: Loslassen! Sofort loslassen!

WIRTIN: Nicht so schnell. Wie war das gerade? Das hatte doch staatsverräterische Züge…

FINANZMINISTER: Ein … Test! Ob bei Frau Wirtin die Gesinnung stimmt.

WIRTIN: Da hat er aber einen starken Sermon auswendig gelernt… Er kam mir recht frisch von der Leber vor, um ehrlich zu sein.

KELLNER: Soll ich ihm jetzt auf den Kopf hauen, oder nicht?

WIRTIN: Da bin ich mir noch nicht so sicher.

FINANZMINISTER: Wer sonst als der Finanzminister wüsste die genaue Höhe jeder Steuer?

KELLNER: Tante, wenn er es wirklich ist, bekommen wir dann nicht richtig Ärger, wenn ich ihm auf den Kopf haue? Ich glaub, ich machs lieber nicht, obwohl es schade ist, sein Kopf hätte sich sehr dafür geeignet.

FINANZMINISTER: Ich habe ein gutes Gedächtnis, Freundchen!

KELLNER: Jetzt glaub ich bald, der eine von den Vagabunden, der ist das gesuchte Subjekt.

WIRTIN: (lässt den Finanzminister los) Da ist uns …. Also höchst … sozusagen… bedauerlich…

KELLNER: Dann gehen wir jetzt also alle zusammen zur Hochzeit?

WIRTIN: (bemerkt sein Zögern) Wo wollten Sie eigentlich hin?

FINANZMINISTER: Staatsgeheimnis. Dann mal los. Wo bleiben Sie denn?

WIRTIN: Herr Finanzminister? Wie ich vorhin schon sagte: Das Leben ist ja so teuer geworden.

KELLNER: Ja, ja, sehr teuer.

WIRTIN: 30 Gulden schon wären Grund genug, höchst zufrieden zu sein und außer einem „Hurra!“ nichts über die Lippen zu bringen, wenn der König mit seinem Hofstaat vorbeizieht. Sie verstehen?

(Der Finanzminister kramt wütend ein paar Scheine hervor und geht)

KELLNER: Heißt das, ich darf ihm doch auf den Kopf hauen?

WIRTIN: Nein, dafür ist er uns zu nützlich. Wenn er einmal gezahlt hat, tut er es auch wieder, glaub mir. Na los, wir wollen doch die Braut nicht verpassen?

KELLNER: Tante! Was wollen wir da? Dieser Finanzminister, er hat nicht ganz unrecht mit dem, was er da gesagt hat! Die Adeligen melken uns wie die Kühe, bis kein Tropfen mehr rauskommt.

WIRTIN: Ja, melken muss man können!

Musik: Wirtin Kellner Playback

Bühne dunkel, Kiesbett taghell, grell

Strophe: (Kellner)

Wir zahlen ihren feinen Zwirn
Durch unser Steuergeld
Sie liefern wildes Kriegsgeschrei
Und Fehdehandschuh
„Sei ein Held!“
Wir kriegen Uniformen
dran ein Orden
Doch im Schlachtgetümmel
Sind sie nirgens -
Immerhin: so sehen wir die Welt! (WH)

Refrain:

Die oben trinken ihren Sekt als „Brüh“
unsereins trinkt Bier
Sie halten uns für blöd!
Solln sie nur -
Melken
Könn´ auch wir.

Strophe: (Wirtin)

Ich zahl ja Steuern gern
Wenn Leistung und die Kasse stimmt
Doch: Straße futsch - kein Publikumsverkehr!
und der Gewinn zerrinnt.
Mit Wonne zahlt die Wirtin von der Sonne
Der Putzfrau, wenn sie kann
Den vollen Lohn
Jetzt gehts halt nicht
Schuld ist der Staat -
Die Putze schafft das schon! (WH)

Refrain:

Die oben trinken ihren Sekt als „Brüh“
unsereins trinkt Bier
Sie halten uns für blöd!
Solln sie nur -
Melken
Könn´ auch wir.

WIRTIN: Und jetzt auf zum Freibier!

KELLNER: Was, es gibt Freibier? Warum sagst du das nicht gleich?

WIRTIN: Aber erst: Ausräumen!

(beide ab)

Blackout

Musik: Vorbereitung Hochzeit

Aufbau Dekoteile im Kiesbett

Vorhänge werden reingefahren

Lichterkette weiß eingesteckt

Bühne amber golden, Landstraße: orange, Liebesnest: dunkles violett


Szene 2 „Vivat“

FREIER PLATZ VOR DEM SCHLOSSE DES KÖNIGS PETER

Rosetta, Wirtin und Kellner

Musik: 5s Fadeout

(Rosetta, Wirtin und Kellner - alkoholisiert und mit Fähnchen ausgerüstet)

HOFPREDIGER: Lieber Herr Hofschulmeister, wie halten sich Eure Leute?

HOFSCHULMEISTER: Sie halten sich so gut in ihren Leiden, dass sie sich schon seit geraumer Zeit aneinander halten. Sie gießen brav Spiritus in sich, sonst könnten sie sich in der Hitze unmöglich so lange halten. Courage, ihr Leute! Haltet euch aufrecht, Und merkts euch: der hinterste läuft immer wieder vor den vordersten, damit es aussieht, als wärt ihr ins Quadrat erhoben.

HOFPREDIGER: Und, Hofschulmeister, wie haltet ihr´s mit der Nüchternheit?

HOFSCHULMEISTER: Ich halte mich vor Nüchternheit kaum noch auf den Beinen.

HOFPREDIGER: Gebt acht, Leute, im Programm steht: „Sämtliche Untertanen…

HOFSCHULMEISTER:… Sämtliche?

HOFPREDIGER: So steht es hier. „Sämtliche Untertanen werden von freien Stücken reinlich gekleidet, wohlgenährt und mit zufriedenen Gesichtern…

HOFSCHULMEISTER: (zu Rosetta) Sieht so „zufrieden“ aus??

HOFPREDIGER: „Sämtliche Untertanen werden von freien Stücken, reinlich gekleidet, wohlgenährt und mit zufriedenen Gesichtern sich längs - längs - der Landstrasse aufstellen“. Macht uns keine Schande!

HOFSCHULMEISTER: Seid standhaft! Kratzt euch nicht hinter den Ohren und schneuzt euch die Nase nicht, solange das hohe Paar vorbeifährt, und zeigt die gehörige Rührung, oder es werden rührende Mittel gebraucht werden. Erkennt, was man für euch tut: Man hat euch gerade so gestellt, dass der Wind von der Küche über euch geht und ihr auch einmal in eurem Leben einen Braten riecht. Könnt ihr noch eure Lektion, he? …. Vi…?

ROSETTA, WIRTIN, KELLNER: Wie??

HOFSCHULMEISTER: Vat!

ROSETTA, WIRTIN, KELLNER: Watt!

HOFSCHULMEISTER: Und zugleich!

HOFPREDIGER: Moment! (bezogen auf das Publikum) Was ist mit denen?

HOFSCHULMEISTER: Ihr meint diese…. Bürger ….und Bürgerinnen?

HOFPREDIGER: Nur Mut!

HOFSCHULMEISTER: (schwitzend) Wohl an… Vi…vat! Vi…. Ich hab alles probiert.

HOFPREDIGER: Dann also ihr, auf ein Neues! Vivat!

ROSETTA, WIRTIN, KELLNER: Wiewatt! Wiewatt! Wiewatt!

(Auftritt Zeremonienmeister)

ZEREMONIENMEISTER: (sieht auf die Uhr) Quel dommage! Alles geht zugrunde. Das Satimbocca schnurrt ein. Alle gesteiften Hemdkragen legen sich um wie melancholische Schweinsohren. Den Bauern wachsen die Nägel und der Bart wieder. Von den zwölf „unschuldigen“ Brautjungfern ist keine, die nicht das horizontale Verhalten dem senkrechten vorzöge. Und der Hofpoet grunzt um sie herum wie ein bekümmertes Meerschweinchen! Die Herren Offiziere verlieren ihre Haltung, dafür stehen die Hofdamen da wie die Salzgrotten.

HOFSCHULMEISTER: Sie machen es sich wenigstens bequem. Wenn sie auch nicht offenherzig sind, so sind sie doch offen bis zum Herzen.

ZEREMONIENMEISTER: Vite, vite! Da kömmt Ihro Majestät! Zeigt, dass Ihr Ausschau haltet!

(Auftritt König Peter, Präsident und Finanzminister)

KÖNIG: Also auch die Prinzessin ist verschwunden?! Hat man noch keine Spur von unserem geliebten Erbprinzen? Sind meine Befehle befolgt? Werden die Grenzen beobachtet? Die Meldepflicht aufs strengest befolgt?

PRÄSIDENT: Jeder Hund, der seinem Herren davongelaufen ist, wird gemeldet.

FINANZMINISTER: Im ganzen Reich vom Prinzen keine Spur!

KÖNIG: Aber, Staatsrat, habe ich nicht den Beschluss gefasst, dass meine Königliche Majestät sich an diesem Tage freuen und dass an ihm die Hochzeit gefeiert werden sollte? War das nicht unser festester Beschluss?

PRÄSIDENT: Ja, Eure Majestät, so ist es protokolliert und aufgezeichnet.

KÖNIG: Und würde ich mich nicht kompromittieren, wenn ich meinen Beschluss nicht ausführte?

PRÄSIDENT: Wenn es für Eure Majestät möglich wäre, sich zu kompromittieren, so wäre dies ein Fall, worin sie sich kompromittieren könnte.

KÖNIG: Habe ich nicht mein königliches Wort gegeben? - Ja, ich werde meinen Beschluss sogleich ins Werk setzen, ich werde mich freuen! (reibt sich die Hände) Oh, ich bin außerordentlich froh!

PRÄSIDENT: Wir teilen sämtlich die Gefühle Eurer Majestät, soweit es für Untertanen möglich und schicklich ist. (gibt allen Zeichen, sich zu freuen)

KÖNIG: Oh, ich weiß mir vor Freude nicht zu helfen! Ich werde meinen Kammerdienern rote Gehröcke machen lassen, ich werde einige Orden verleihen, ich werde meinen Untertanen erlauben - aber, aber, die Hochzeit? Lautete die andere Hälfte meines Beschlusses nicht, dass die Hochzeit gefeiert werden sollte?

PRÄSIDENT: Ja, Eure Majestät.

KÖNIG: Ja, wenn aber der Prinz nicht kommt und die Prinzessin auch nicht?

PRÄSIDENT: Ja, wenn aber der Prinz nicht kommt und die Prinzessin auch nicht - dann - dann…

KÖNIG: Dann, dann?

PRÄSIDENT: Dann können sie sich eben nicht heiraten.

KÖNIG: Halt, ist der Schluss logisch? Wenn - dann… Da…da… denken… Richtig! Aber mein Wort, mein königliches Wort!

PRÄSIDENT: Trösten Majestät sich mit anderen Majestäten! Ein königliches Wort ist ein Ding - ein Ding - ein Ding - das nichts ist.

KÖNIG: Noch nichts zu sehen?

ALLE: (durcheinander) Nichts / Nein / Hier nicht / Rien / Absolut nichts!

KÖNIG: Und ich hatte beschlossen, mich so zu freuen! Grade mit dem Glockenschlag wollte ich anfangen und wollte mich freuen volle zwölf Stunden - ich werde ganz melancholisch.

event. hier Start Nebelmaschine

PRÄSIDENT: Alle Untertanen werden aufgefordert, die Gefühle Ihrer Majestät zu teilen.

ZEREMONIENMEISTER: Denjenigen, die kein Schnupftuch bei sich haben, ist das Weinen jedoch Anstandes halber untersagt.

Musik: Automatenhochzeit

WIRTIN: Ha, ich sehe was! Ich sehe etwas wie einen Mann, und dann noch zwei Personen entgegengesetzten Geschlechts.

HOFSCHULMEISTER: Wo denn?

KELLNER: Ich sehe niemanden!

WIRTIN: Na da!

Alle rennen nach unten

HOFPREDIGER: Sie kommen auf den Festplatz zu!

Hauptbühne 30%, Kiesbett hell


Szene 3 „Automatenhochzeit“

(Auftritt Valentina und Valerio, sowie unter Masken versteckt Leonce und Lena kommen von hinten auf Bühne)

vor Bühne: Publikum

Effekt nur Bühne rhytmisch lila/grün, Säulen, eher kalte Farben

KÖNIG: Wer seid ihr?

VALERIO: Weiß ich´s? Bin ich das? Oder das? Wahrhaftig, ich bekomme Angst, ich könnte nicht wissen, wer ich bin.

KÖNIG: Aber - aber etwas müsst Ihr denn doch sein?

VALERIO: Wenn Eure Majestät es so befehlen! Aber, meine Herren, hängen Sie dann die Spielgel herum und sehen Sie mich nicht so an, dass ich mich in ihren Augen spiegeln muss, oder ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich eigentlich bin.

KÖNIG: Der Mensch bringt mich in Konfusion, zur Desperation! Ich bin in der größten Verwirrung.

VALERIO: Ich verkündige, dass hiermit die zwei weltberühmten Automaten angekommen sind und dass ich vielleicht der dritte und merkwürdigste von beiden bin, wenn ich eigentlich selbst recht wüsste, wer ich wäre, worüber man übrigens sich nicht wundern dürfte, da ich selbst gar nichts von dem weiß, was ich rede, ja auch nicht einmal weiß, dass ich es nicht weiß, so dass es höchst wahrscheinlich ist, dass man mich nur so reden lässt, und es eigentlich nichts als Walzen und Windschläuche sind, die das alles sagen.

Sehen Sie hier, meine Damen und Herren, zwei Personen, beiderlei Geschlechts, ein Männchen und ein Weibchen, einen Herren und eine Dame! Nichts als Kunst und Mechanismus, nichts als Pappendeckel und Uhrfedern! Jeder hat eine feine, feine Feder von Rubin unter dem Nagel der kleinen Zehe am rechten Fuß, man drückt ein klein wenig, und die Mechanik läuft volle 50 Jahre. Diese Personen sind so vollkommen gearbeitet, dass man sie von anderen Menschen gar nicht unterscheiden könnte, wenn man nicht wüsste, dass die bloße Pappdeckel sind. Man könnte sie eigentlich zum Mitglied der menschlichen Gesellschaft machen. Sie sind sehr edel, denn sie sprechen Hochdeutsch. Sie sind sehr moralisch, denn sie stehen auf dem Glockenschlag auf, Essen auf dem Glockenschlag zu Mittag und gehen auf dem Glockenschlag zu Bett. Auch haben Sie eine gute Verdauung, was beweist, dass sie ein gutes Gewissen haben. Sie haben ein feines, sittliches Gefühl, denn die Dame hat gar kein Wort für den Begriff Unterhose und dem Herrn ist es rein unmöglich, hinter einem Frauen Zimmer eine Treppe hinauf zu gehen. Sie sind sehr gebildet, denn die Dame geht in die Oper und der Herr trägt Manschettenknöpfe.

Geben Sie acht, meine Damen und Herren, wir sind jetzt in einem interessanten Stadium: der Mechanismus der Liebe fängt an, sich zu äußern, der Herr hat der Dame schon einige Male den Schal getragen, die Dame hat schon einige Male die Augen verdreht und gen Himmel geblickt. Beide haben schon mehrmals geflüstert: Glaube, Liebe, Hoffnung!

Beide sehen bereits ganz harmonisch aus, es fehlt nur noch das winzige Wörtchen: Amen.

KÖNIG: (den Finger an die Nase legend) In effigie? In effigie? Präsident, wenn man einen Menschen in effigie hängen lässt, ist das nicht ebenso gut, als wenn er ordentlich gehängt würde?

PRÄSIDENT:

Verzeihen, Eure Majestät, es ist noch viel besser, denn es geschieht ihm kein Leid dabei, und er wird dennoch gehängt.

KÖNIG: Jetzt hab ich's. Wir feiern die Hochzeit in effigie! (Auf Lena und Leonce deutend) Das ist die Prinzessin, das ist der Prinz. – Ich werde meinen Beschluss durchsetzen, ich werde mich freuen. – Lasst die Glocken läuten! Macht eure Glückwünsche zurecht! Hurtig, Herr Hofprediger!

(der Hofprediger tritt vor, räuspert sich, blickt einige Male gen Himmel)

VALERIO: Fang an! Lass deine vermaledeiten Gesichter und fang an! Wohlauf!

HOFPREDIGER: (in der größten Verwirrung) Wenn wir - oder - aber -

VALERIO: Es war vor Erschaffung der Welt -

HOFPREDIGER: Dass…

VALERIO: Gott Langeweile hatte -

KÖNIG: Machen Sie es nur kurz, Bester.

HOFPREDIGER: (sich fassend) Geruhen Eure Hoheit, Prinz Leonce vom Reiche Popo, und geruhen Eure Hoheit, Prinzessin Lena vom Reiche Pippi, und geruhen Eure Hoheiten gegenseitig, sich beiderseitig einander haben zu wollen, so sprechen Sie ein lautes und vernehmliches Ja.

LENA UND LEONCE: Ja!

HOFPREDIGER: So sage ich Amen.

VALERIO: Gut gemacht, kurz und bündig. So wären denn das Männlein und Fräulein erschaffen.

(Leonce nimmt die Maske ab)

ALLE: Der Prinz!

KÖNIG:

Der Prinz! Mein Sohn! Ich bin verloren, ich bin betrogen! (geht auf die Prinzessin los) Wer ist die Person? Ich lasse alles für ungültig erklären!

VALENTINA: (nimmt der Prinzessin die Maske ab) Die Prinzessin!

LEONCE: Lena?

LENA: Leonce?

LEONCE: Lena, ich glaube, das war die Flucht ins Paradies.

LENA: Ich bin betrogen!

LEONCE: Ich bin betrogen!

LENA: O Zufall!

LEONCE: O Vorsehung!

VALERIO: Ich muss lachen, ich muss lachen. Eure Hoheiten sind wahrhaftig durch den Zufall einander zugefallen. Ich hoffe, sie werden dem Zufall zu gefallen – Gefallen aneinander finden.

VALENTINA: Das meine Augen das sehen! Lena….?

KÖNIG: Meine Kinder, ich bin gerührt, ich weiß mir vor Rührung kaum zu helfen. Ich bin der glücklichste Mann! Ich lege aber auch hiermit feierlich die Regierung in deine Hände, mein Sohn!

PRÄSIDENT: Es lebe König Leonce und Königin Lena! Möge ihre Regentschaft…

KÖNIG: (unterbricht) Ich werde sogleich ungestört zu denken anfangen. Mein Sohn, du überlässt mir eine zeitlang diese Weisen, damit sie mich in meinen Bemühungen unterstützen. Kommen Sie, meine Herren, wir müssen denken, ungestört denken! Der Mensch hat mich vorhin konfus gemacht, ich muss mir wieder heraus helfen.

(König Peter entfernt sich mit dem Staatsrat - der Präsident bleibt)

LEONCE:

Werte Hochzeitsgesellschaft, Meine Gemahlin und ich bedauern unendlich, dass sie uns heute so lange zu Diensten gestanden sind. Ihre Stellung ist so traurig, dass wir um keinen Preis ihre Standhaftigkeit länger auf die Probe stellen möchten. Gehen Sie jetzt nach Hause, aber vergessen Sie ihre Reden, Predigten und Verse nicht, denn morgen fangen wir in aller Ruhe und Gemütlichkeit den Spaß noch einmal von vorne an. Auf Wiedersehen!

KELLNER: Gibt es morgen noch mal Freibier?

WIRTIN: Wiewatt! Wiewaa….. Komm jetzt, Trottel.

KELLNER: Aber das Freibier???

(Wirtin und Kellner ab, Präsident redet heimlich mit Rosetta)

LEONCE: Nun, Lena, siehst du jetzt, wie wir die Taschen voll haben, voll Puppen und Spielzeug? Was wollen wir damit anfangen? Wollen wir ihnen Schnurrbärte machen und ihnen Säbel anhängen?

LENA: Mir ist heiß.

Musik setzt ein, über die Musik:

LEONCE: Oder wollen wir Ihnen Fräcke anziehen und sie Politik und Diplomatie treiben lassen und uns mit dem Mikroskop daneben setzen?

LENA: Und kalt.

LEONCE: Oder hast du Verlangen nach einer Drehorgel?

LENA: Ich bin jung.

LEONCE: Wollen wir ein Theater bauen?

LENA: Und alt.

LEONCE: Aber ich weiß besser, was du willst: wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, dass es keinen Winter mehr gibt und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken.

VALENTINA: Lena?

VALERIO:

Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, dass, wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird. Das, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist. Dass jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft gefährlich erklärt wird.

VALENTINA: Lena?!

VALERIO: Und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni und Feigen, eine kommode Religion und um musikalische Kehlen.

(Leonce und Lena gehen nach hinten ab, gefolgt von Rosetta. Der Präsident bleibt )